Interview mit Martin Haas – Echo-Auszeichnung „Bester nationaler Produzent“

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Martin Haas wurde mit dem Echo „Bester nationaler Produzent“ ausgezeichnet. Er produzierte u.a. mit Moses Pelham das Xavier-Naidoo-Album Nicht von dieser Welt“, das über 1.000.000 Mal verkauft wurde und erhält hierfür zahlreiche Edelmetall-Auszeichnungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Im folgenden Interview gibt er sehr interessante Einblicke und Tipps im Musikbereich:

Martin, du sagtest in einem Interview beim Fernsehsender KIKA, dass dir dein Onkel und deine Tante ein Klavier geschenkt hatten, das dann in deinem Kinderzimmer stand. Du konntest bereits als Kind ohne Noten lesen zu müssen, gehörte Melodien nachspielen. Wie ging es weiter?

Martin: Nun ja, “Kind” stimmt nicht ganz, ich war so ca. 16 Jahre alt, als das Klavier in mein Zimmer gestellt wurde. Dann hab´ ich gemerkt, dass ich Sachen aus dem Radio oder von meinen Schallplatten nach Gehör nachspielen konnte und mir nach und nach ein ziemlich großes Repertoire draufgeschafft.

Ab wann hast du die erste (damals ja noch) Mark mit Musik verdient? Und wann konntest du als Musikproduzent von deinen Einnahmen leben?

Martin: Während meines Studiums brauchte ich Geld, und so bot ich mich als Live-Act mit meinem „Fender Rhodes 73“ in den Musikkneipen in Frankfurt-Sachsenhausen an. Die waren froh, unter der Woche günstige Live-Musik zu haben. Gage war 100 DM am Abend. Das war so um 1984 rum.

Als Musikproduzent leben von meinen Einnahmen konnte ich dann ab Anfang der 90er Jahre, allerdings zu der Zeit noch nicht über Tonträger, sondern durch Film- und Werbemusiken.

Richtig ordentliche Lizenzeinnahmen gab es dann ab 1995 durch Rödelheim Hartreim Projekt, Schwester S (später “Sabrina Setlur) und dann natürlich Xavier Naidoo (1998).

Das beeindruckende Tonstudio von Martin Haas. Wie bei einigen anderen Toningenieuren in ihrem Tonstudio zu sehen, ist ein Bildschirm an der Wand angebracht. Das kann Vorteile für ein lineares Klangbild haben, spart Platz und sieht schick aus.

Film- und Werbemusik klingt sehr spannend. Wie hast du deine ersten Aufträge im Bereich Film- und Werbemusik bekommen? Kanntest du jemanden persönlich in diesem Bereich?

Martin: Nachdem ich angefangen hatte, in den Frankfurter Liveschuppen zu spielen, kam dann Mitte der 80er die Zeit der Piano-Bars. Inzwischen hatte ich mich mit Bobby Sattler, einem hervorragenden Saxophonisten, zusammengetan, und wir hatten dann Mittwochs einen festen Gig im „EinsZwei“, einer Pianobar in Frankfurts Innenstadt.

Das war sehr erfolgreich, und von dort aus wurden wir dann für alle möglichen Galas, Privatfeiern von Prominenten etc. gebucht. Bei einer dieser Galas, bei der wir auch einen Frankfurter Kulturpreis verliehen bekamen, war eine weitere Preisträgerin die Regisseurin Sylvia Hoffman, die glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt gerade keinen festen Komponisten hatte. Wir kamen ins Gespräch und boten uns als Kompositions-Team an.

Sie gab uns dann tatsächlich die Chance, Musik für ihren nächsten Tatort zu machen, was uns wohl so gut gelungen sein muss, dass wir ab dann viele Jahre lang für alle ihre Filme die Musik komponieren durften. Mit diesen Referenzen im Koffer gingen wir dann zu anderen Regisseuren und stellten uns allen großen Werbeagenturen Frankfurts vor, was letztlich dazu führte, dass wir auch hier gut ins Geschäft kamen.

Wie schwierig ist es, nur vom Songwriting und Produzieren ausschließlich Geld zu verdienen? War es damals einfacher, sein Geld mit Musik zu verdienen?

Martin: Sicherlich war es damals einfacher, allerdings musste man erst mal in die Situation kommen, Geld zu verdienen, also mit den richtigen Künstlern arbeiten und einen ordentlichen Vertrag bekommen.

Wenn man das allerdings hatte, konnte man in den 90ern mit einem Hit bzw. erfolgreichen Album noch sehr viel Geld verdienen. Diese Zeiten sind vorbei.

Du hast den Echo im Jahr 1999 für den Produzent des Jahres bekommen! Glückwunsch! Wie war die Zeit nach dieser beeindruckenden Auszeichnung? Wollten danach unzählige Künstler einen Song von dir produziert haben?

Martin: Danke! Ich glaube nicht, dass speziell der Echo da etwas ausgelöst hat, wir waren ja in den Jahren davor auch schon erfolgreich, und es gab ein paar Künstler, die an uns herangetreten sind, aber “unzählige” waren das nicht.

Du hast mehrere goldene Schallplatten bekommen für über 250.000 verkaufte oder sogar Platinschallplatten für über 500.000 verkaufte Einheiten. Hast du einfach Talent oder gibt es noch andere Ansätze, die du verfolgst, um für einen namhaften Künstler einen möglichst erfolgreichen Song zu produzieren? Wie ist deine Vorgehensweise?

Martin: Talent gehört sicherlich auch dazu, aber wenn wir nicht jahrelang 7 Tage die Woche 14-16 Stunden am Tag gearbeitet hätten, wäre das nicht so erfolgreich gewesen. Die Vorgehensweise war eigentlich gar nicht so sehr auf einen bestimmten Künstler abgestellt, sondern wir haben einfach am laufenden Band Songs bzw. Playbacks gemacht und sie unseren Schützlingen angeboten. Die haben sich dann was davon ausgesucht bzw. Texte auf die Playbacks geschrieben.

Interessant: Auf der anderen Seite steht sein Studiotisch, an dem er produziert.

Du hast für Xavier Naidoo das erfolgreichste Album „Nicht von dieser Welt“ produziert. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen? Und wie bekommst du allgemein Aufträge von bekannten und unbekannten Künstler?

Martin: Als ich noch hauptsächlich Film- und Werbemusik gemacht habe, lud der Chef der Werbeagentur “Trust”, Franz Aumüller, meinen damaligen Studio- und Kompositionspartner Bobby Sattler und mich in seine Agentur ein und stellte uns Xavier vor.

Dann haben wir in der darauffolgenden Zeit mit ihm gearbeitet, ein paar Songs, z.B. ein Cover von Stevie Wonders “Golden Lady” mit ihm aufgenommen und ihm Gesangsjobs in der Werbung vermittelt, z.B. für die “Eichbaum”-Brauerei.

Später hat er dann schon auf dem ersten RHP-Album gesungen (im Intro von “Reime” war er erstmals zu hören), ging später mit Sabrina Setlur auf Tour und hatte dort einen Solo-Part mit “Freisein”, was beim Publikum derart gut ankam, dass wir uns entschieden, ein Album mit ihm aufzunehmen. Der Rest ist Geschichte.

Wie viele Songs produzierst du ungefähr im Monat? Wie schaffst du es, möglichst viele Songs zu produzieren? Wie viele Stunden verbringst du ungefähr pro Woche in deinem Musikstudio?

Martin: Hier eine Zahl zu nennen ist schwierig. Wir haben speziell am Anfang halt immer so viel produziert, dass wir am Ende für ein Album mit z.B. 11 Titeln ca. 30 – 50 Titel zur Auswahl hatten.

Das schien mir immer der sicherste Weg, wirklich durchgehend gute Qualität zu erhalten. Mit der Zeit bekommt man dann ein Gefühl dafür, ob ein Song es wert ist, weiter an ihm zu arbeiten, und man kommt auch mit weniger Quantität ans Ziel.

Hörst du regelmäßig Musik in den Charts, um zu wissen, was die Leute gerne hören? Nutzt du dafür Streaming-Dienste, wie Spotify oder Tidal? Welche Musik hörst du selber gerne?

Martin: Ich höre sehr wenig Musik außerhalb meiner Arbeit. Wenn ich längere Zeit im Auto bin, höre ich hauptsächlich Klassische Musik oder Nachrichten. Ich habe das Glück, meist mit Partnern zusammenzuarbeiten, die mich auf dem Laufenden halten, was wichtige Neuerscheinungen betrifft, bzw. bekomme ich viel über meine Kinder mit, was so geht.

Welche virtuellen oder analogen Klangerzeuger in deinem Studio nutzt du regelmäßig und warum?

Martin: Oh, das gibt eine lange Liste. Die analogen Klangerzeuger habe ich vor einigen Jahren ganz weggelassen, weil man “In the Box” einfach viel schneller und effizienter ist. Ich nenne mal die Wichtigsten (in alphabetischer Reihenfolge):

Absynth, Addictive Drums, Battery, Hybrid, Kontakt, Loom, Massive, Mini Grand, Omnisphere, SubLab, VacuumPro, Velvet, Vienna Instruments, Spitfire Orchestra etc.

Wie bist du bei der Optimierung deiner Raumakustik vorgegangen?

Martin: Ich habe mich von Spezialisten beraten lassen und Akustikelemente dort angebracht, wo es mir geraten wurde 🙂

Welche Tipps würdest du angehende Musikproduzenten auf den Weg geben?

Martin: Die traurige Wahrheit ist, zur Zeit wäre der beste Tipp wohl, sich zur Sicherheit noch einen Job zu suchen, mit dem man sicher Geld verdienen kann, denn das ist der Job des Musikproduzenten, zumal auch noch in Zeiten von Corona, leider nicht.

Darüber hinaus kann es sehr wichtig sein, auch selber Autor bzw. Co-Autor der Musik zu sein, die man produziert. Wäre ich das nicht, hätte ich schon vor Jahren aufgeben müssen.

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Martin! Besucht unbedingt einmal seine Homepage, um mehr über Martin zu erfahren und eventuell Kontakt aufzunehmen: https://www.usp-studio.de/

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